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Hintergrund Wildtiere

Wildnisdebatte und Bär, Wolf, Luchs

Von Stefanie Jaeger

Einst verachtet und gejagt kehren die großen Beutegreifer wieder in ihre angestammten Lebensräume in Europa zurück. Dies ist auch auf den Schutz dieser Arten durch verschiedene Schutzabkommen auf europäischer und nationaler Ebene zurückzuführen. Beispielsweise seien hier genannt: Die Berner Konvention, die Bonner Konvention, die Flora-Fauna-Habitat Regelung. Nationale und regionale Gesetze wurden an die Vorgaben zum Schutzstatus  auf EU-Ebene angepasst. Aber wie hängen die Rückkehr dieser Wildtiere und die Wildnisentwicklung oder Wildnis zusammen?

In diesem Artikel beleuchten wir den südlichen Teil Deutschlands mit den anschließenden Alpenregionen, in denen bereits große Beutegreifer beheimatet sind. Sie dienen als Beispiel für das Schicksal der Wildtiere in der Kulturlandschaft. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde hier jede dieser Arten – Bär, Wolf und Luchs – als Plage ausgerottet. Die Rückkehr war dank Verbesserungen in der Gesetzesgrundage, der Verbindung von natürlicher Wiedereinwanderung aus Nachbarländern und unterstütztender Wiederansiedlung von Wildfängen möglich. Mit Ausbreitung der Territorien begann die Diskussion der Landwirte, dass es keine Wildnis mehr für diese Tiere im Alpenraum gebe. Der unmittelbare Zusammenhang von Wildnis und dem Vorkommen von großen Beutegreifern wird bezweifelt. Hierfür gibt es Beispiele in denen große Beutegreifer sehr wohl in der Kulturlandschaft, oft auch nahe an menschlichen Siedlungen vorkommen. Viele Wölfe in Spanien leben in Agrarlandschaft und ziehen dort ihre Jungen auf. Es wird erzählt, dass Bären, die auf Raubzug im Obstgarten sind, von der Bäuerin durch Beschuss mit Äpfeln vertrieben wurden. Aus Rumänien kennt man die Geschichte eines weiblichen Wolfes, der regelmäßig in der Innenstadt von Brashov (280.000 Einwohner)gesichtet wurde, wo sie auf der Suche nach Nahrung für ihre Jungen war und offensichtlich irrtümlich als streunender Hund angesehen wurde. Dank Telemetrie und wissenschaftlicher Monitoring-Systeme (SCALP) hat man festgestellt, dass sich in der Schweiz Luchse nahe an Siedlungen und Strassen aufhalten, vorausgesetzt, sie finden ruhige Tageslager um sich zurückzuziehen. Es war nicht ungewöhlich Luchse direkt neben einer Hiebfläche, einem Berg-Restaurant, entlang von Skiliften oder Naherholungsgebieten zu orten. Dabei schien der Luchs sehr wohl die Aktivitäteten der Menschen wahrzunehmen, wobei selten die Anwesenheit des Luchses von den Menschen wahrgenommen wurde.

Heißt das nun im Umkehrschluss, dass Wildnis nicht für das Wohl der großen Beutegreifer von Bedeutung ist? Solch ein Rückschluss würde ein wichtiges Argument der Befürworter von Wildnis weltweit entkräften. Um einschätzen zu können, ob Wildnis eine Rolle spielt, hilft es sich die Definition dazu genauer anzusehen:  Wildnis ist ein Gebiet, dass durch natürliche Prozesse geleitet wird. Es setzt sich zusammen aus angepassten, angestammten Lebensräumen und Arten und ist groß genug, um natürlich ablaufende Prozesse zu ermöglichen.

Derzeit leben Bär, Wolf und Luchs in 22 von 27 europäischen Ländern. Sie werden als heimische Arten angesehen, die von der Wildnisentwicklung profitieren sollten.Schätzungen zufolge steht 1% der Landfläche Europas unter Wildnisschutz. Die Mehrzahl der Wildnisgebiete ist kleiner als 100km². Verglichen mit der Reviergröße von Luchsen (50-900km²) oder den Wanderstrecken die Wolf und Bär auf der Suche nach Partner und neuen Revieren zurücklegen (100-1000km), wird der wahre Platzbedarf ersichtlich. Die räumliche Dimension nimmt weiterhin zu, betrachtet man die minimale Anzahl der Tiere für eine gesunde Population (Genetik, Veränderungen in der Umwelt, Krankheiten). Diese liegt bei Luchsen bei 500 Tieren, bei Wölfen sind es 150, bei Bären 60 Individuen. Parameter wie Genetik, Reviergröße und Paarungsverhalten haben Einfluss auf die natürlichen Prozesse wie sie in der Definition zu Wildnis aufegührt sind. Die ökologische Funktion wird in kaum einem Wildnisgebiet in Europa wirkungsvoll erfüllt. Daher ist es wahrscheinlich, dass natürliche Prozesse, die einen großen Raumanspruch haben, sich in „nicht-Wildnisgebiete“ ausdehnen und dort Konflikte auslösen können. So geschehen im Fall des jungen Braunbären JJ 1 im Mai  2006. Er wanderte von Italien über Österreich nach Bayern und tötete einige Nutztiere bevor er auf Geheiß der Staatsregierung geschossen wurde.

Die größte Erkenntnis daraus mag gewesen sein, dass trotz der Fassade der Naturverbundenheit, die überall hervorgehoben wurde, das moderne Deutschland nur schwer mit ungezähmter Natur umgehen kann. Seit Generationen gibt es in Deutschland, auch in den Alpenregionen, keine Wildnis mehr. Natur ist eine gute Sache, solange sie unter Kontrolle stattfindet, kanalisiert und kultiviert ist. Die Wiederansiedlung von Bären im deutschen Alpenraum ist dem Untergang geweiht, außer die Bären sind gewillt nicht all zu wild zu sein.(frei nachFischer und Neukirch 2010).

Die letzten Vorfahren des Bären JJ 1 kamen bis Ende 1990 in der Norditalienischen Provinz Trentino (Brenta) vor. Hier existierte eine Rest-Population von nicht mehr als 3 autochthonen Bären. Um die Tiere vor dem Aussterben zu bewahren wurden 10 Wildfänge aus Solvenien und Kroatien hier wieder in Italien freigelassen. Heute existiert hier eine kleine Population von 35 Tieren. Das Ausbreitungsmuster junger männlicher Bären kann wie folgt dargestellt werden: angetrieben durch jugendliche Wanderlust und meist auch ungünstiger Bedingungen in der Nähe ihres Geburtstortes, wählen die Tiere eine Wanderroute. Dabei folgen sie oft leicht begehbaren Routen, die ihnen die Landschaft vorgibt, an denen sie passende Nahrung und Ruheplätze für tags und nachts finden. Wenn sich die Tiere für eine Richtung entschieden haben, bleiben sie standhaft auf dieser Route und machen auch vor vielbefahrenen Strassen nicht halt. Während der Wanderschaft lernen sie auch wie leicht  - oder schwer – es ist in der Nähe des Menschen Nahrung zu finden. Bruno (JJ1 ) zog Richtung Norden in die Bayerischen Alpen, in denen ungehütete Schafe und Bienenstöcke sicherstellten, dass er nicht hungern musste. Die Landwirte entfernten seine Risse schnell, so dass er nicht zurückkehren konnte und neue Beute schlagen musste. Das entfernen der zu Tode gekommenen Tiere – die oftmals auch Opfer anderer gründe als den Beutegriefern werden – ist in den meisten Alpenregionen aus hygienischen Gründen vorgegeben. Dies ist mit einer der Gründe warum ass-fressende Vögel wie Bart- und Gänsegeier verschwunden sind. Dieses Vorgehen muss geändert werden um seltene Geiern zu unterstützen, aber auch die Rückkehr der großen Beutegreifer in Zukunft zu ermöglichen.

Im Mai 2006, als Bruno das erste Mal bayerischen Boden betrat, kam ein junger Wolf 70km entfernt vom Tegernsee im Landkreis Starnberg durch einen Verkehrsunfall zu Tode. Dies war nicht der einzige Wolf, der die Aufmerksamkeit in Bayern auf sich zog. Vier Jahre später machte ein Wolf von sich Reden, als er von einer Fotofalle in der Nähe einer Rotwild Fütterung aufgenommen wurde. Da Wölfe leicht eine Distanz von 500km zu ihrem Geburtstsort zurücklegen können, kann das Tier als verschiedenen Populationen gekommen sein: aus der westalpine Französisch-Italienische Population, der sächsisch-Westpolnische Population oder aus der Gegend der nord-dinarischen Population. Aktuell gibt es zwei oder drei reproduzierende Wolfsfamilien in Norditalien in der Nähe von Verona, in der Schweiz und möglicherweise in den östlichen Alpen von Österreich. Im Nachhinein konnte eine genetische Probe nachweisen, dass der Wolf von der französischen Population 800km entfernt der bayerischen Grenze stammte. Während seines Aufenthalts riss er 28 Schafe und die Landwirte bekamen 3675 Euro erstattet für den Schaden den dieser einzelne Wolf für sie angerichtet hatte. Die Landwirte hätten sich und dem Wolf einen gefallen getan, wenn sie die Risse hätten belassen dürfen und der Wolf daran hätte zurückkehren dürfen. Stattdessen veröffentlichte der Bauernverband eine Broschüre in der er auf die Gefahren für den Menschen durch den Wolf hinwies und das im Falle einer Wiederbesiedlung durch den Wolf alle Almen in Bayern gezäunt werden müssten, etwa 5000-6000km. Entgegen dem, was der Bericht aus der Amerikanischen Botschaft unterstellte, waren die bayerischen Behörden halbwegs schnell, um auf die Bedürfnisse zu Gunsten der Beutegreifer zu reagieren. Im April 2007 veröffentlichte das bayerische Ministerium für Umwelt und Gesundheit den Managementplan für den Braunbär in Bayern, im Dezember 2007 wurde der Managementplan für den Wolf, ein halbes Jahr später im Jahr 2008 der Managementplan für den Luchs in Bayern veröffentlicht. Diese Pläne dienen vor allem der Besänftigung und der Schadenskompensation zufällig  eingewanderter großer Beutegreifer aus benachbarten Ländern.

Große Beutegreifer sind weitaus mehr als zufällige Einwanderer und haben das Potential die Aplen auch in Bayern wiederzubesiedeln. Für den Luchs wird die Alpenpopulation auf  136-179 Tiere geschätzt. Es gibt zwei getrennte Populationen im südwesten und im östlichen Teil der Alpen. Das Luchsvorkommen verteilt sich damit auf 175000km². Nimmt man die Minimalschätzung einer existenzfähigen Population von 500 Tieren und die durschnittliche Verbreitungrate  von 25,9-63.1 km², die westelich geringer ist als die von Wolf oder Bär, ist die Überlebenschance der Luchse in den Alpen westelich schlechter als die der beiden anderen Beutegreiferarten. Der Auftrag an die Politik sich um einen erfolgreichen Schutzstatus zu kümmern ist besonders notwendig. Experten bezweifeln, dass der Zustand einer stabilen Population durch natürliche Zuwanderung erreicht werden kann. Andere Populationen im Nordosten Bayern zeigen, dass die häufigsten limitierenden Faktoren für natürliche Wiedereinwanderung und dauerhafter Besiedlung Verkehrsunfälle und illegale Jagd sind. Wichtig sind neben geeigneten Lebensräumen damit vor allem die Akzeptanz dieser Tiere.

Trotz allem Pech beim Schutz großer Beutegreifer  – illegale Jagd, mangelnde Akzeptanz etc – werden sich die Tierarten durchsetzen. Sowohl in Kulturlandschaft, wie auch in vermehrt wiederkehrenden und geförderte Wildnis finden Tiere Lebensraum. Sie sind anpassungsfähiger als gedacht (vielleicht auch als manchmal gewünscht). Daher haben Wolf, Bär und Luchs eine gute Chance weiterhin in Europa vorzukommen bzw. alte Gebiete wieder zu besiedeln. 

Original Artikel in International Journal of Wilderness; Till Meyer, Christine Miller, Stefanie Jaeger: How can bear, wolf and lynx persist in the cultural landscape of central europe?